Sehen
Sehen, bevor wir fotografieren
Wir sehen jeden Tag unzählige Dinge. Vieles davon nehmen wir wahr, ohne ihm wirklich Aufmerksamkeit zu schenken.
Bekanntes erkennen wir schnell und ordnen es ein – eine Straße bleibt eine Straße, ein Haus bleibt ein Haus.
Für die Fotografie kann es interessant sein, diesen automatischen Blick für einen Moment zu unterbrechen.
Nicht nur zu fragen: Was sehe ich?
Sondern: Was nehme ich tatsächlich wahr?
Der erste Blick
Wenn wir eine Situation betrachten, entsteht innerhalb kürzester Zeit ein erster Eindruck.
Etwas fällt uns auf: eine Farbe, ein heller Bereich, eine Bewegung, eine Form oder ein ungewöhnlicher Gegenstand.
Dieser erste Blick ist ein wichtiger Ausgangspunkt. Doch gerade danach kann es interessant werden, weiterzusehen.
Was befindet sich daneben?
Was liegt im Hintergrund?
Was passiert am Rand?
Oft zeigt sich ein Motiv erst dann, wenn wir nicht beim ersten Eindruck stehen bleiben.
Aufmerksamkeit und Perspektive
Unser Blick kann nicht alles gleichzeitig erfassen. Er wählt aus und richtet sich auf das, was gerade interessant erscheint.
Beim Fotografieren können wir diese Aufmerksamkeit bewusster einsetzen.
Wir können unseren Standpunkt verändern, näher herangehen, Abstand gewinnen oder den Ausschnitt verändern. Dadurch verändert sich nicht nur das Bild. Auch das, was wir sehen, kann sich verändern.
Ein kleiner Schritt zur Seite kann einen Hintergrund verschwinden lassen. Ein anderer Blickwinkel kann Dinge miteinander verbinden, die vorher getrennt erschienen.
Gewohntes neu sehen
Das Vertraute wird schnell unsichtbar. Je häufiger wir etwas sehen, desto weniger Aufmerksamkeit schenken wir ihm.
Gerade darin liegt eine fotografische Möglichkeit.
Ein gewöhnlicher Ort muss nicht verändert werden, damit ein interessantes Bild entsteht. Manchmal genügt es, ihn anders zu betrachten: aus einer ungewohnten Höhe, aus größerer Nähe oder mit einem ganz anderen Ausschnitt.
Fotografie kann unseren eigenen Alltag verändern – nicht weil die Welt plötzlich anders wird, sondern weil unser Blick auf sie genauer wird.
Beziehungen sehen
Bewusstes Sehen bedeutet nicht nur, einzelne Dinge zu entdecken. Ebenso wichtig ist es, wahrzunehmen, wie sie miteinander verbunden sind.
Abstände, Überschneidungen, Zwischenräume, Wiederholungen und Gegensätze können fotografisch ebenso interessant sein wie die Dinge selbst.
Manchmal liegt das Interessante nicht in einem einzelnen Motiv, sondern in dem, was zwischen den Dingen passiert.
Je länger wir betrachten, desto mehr kann sichtbar werden.
Den eigenen Blick entwickeln
Jeder Mensch nimmt seine Umgebung anders wahr. Was einer Person sofort auffällt, kann für eine andere vollkommen nebensächlich sein.
Mit der Zeit können daraus persönliche Interessen entstehen. Vielleicht ziehen uns bestimmte Formen an, bestimmte Orte, Lichtstimmungen, Strukturen oder Situationen.
Solche wiederkehrenden Interessen können Hinweise darauf geben, was uns fotografisch wirklich interessiert.
Der eigene Blick entsteht nicht plötzlich.
Er entwickelt sich durch wiederholtes Betrachten, Fotografieren, Auswählen und Hinterfragen eigener Bilder.
Praktisch arbeiten
Das Arbeitsheft „Sehen“ verbindet kurze theoretische Gedanken mit fünf praktischen Übungen.
Es lädt dazu ein, den automatischen Blick zu verlangsamen, den eigenen ersten Eindruck wahrzunehmen, Standpunkte bewusst zu verändern, Vertrautes neu zu betrachten und Beziehungen zwischen verschiedenen Bildelementen zu entdecken.
Dabei geht es nicht darum, richtig oder falsch zu sehen. Es geht darum, den eigenen Blick bewusster wahrzunehmen und daraus fotografische Entscheidungen entstehen zu lassen.
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Das Arbeitsheft „Sehen“ vertieft diese Gedanken und bietet fünf Übungen für die eigene fotografische Arbeit.
Fotografie beginnt nicht mit dem Auslösen. Sie beginnt mit dem Sehen.
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