Der zweite Blick
„Fotografie ist die Bereitschaft, genauer hinzusehen, bis etwas Vertrautes plötzlich fremd und faszinierend wird.“
Jeden Tag stehen wir auf, machen uns für den Tag fertig, frühstücken oder auch nicht und stürmen dann in die große weite Welt hinaus. Wir gehen jeden Morgen dieselben Treppen hinunter, laufen dieselben Straßen auf und ab, besuchen täglich dieselben Orte. Von der Arbeit geht es nach Hause, vielleicht ein kleiner Schwenker in den Supermarkt, vielleicht danach einen Freund besuchen oder mal wieder Zeit für ein wenig Sport. Familie natürlich nicht zu vergessen. Wir verlieren uns förmlich in unserem Alltag. So erging es mir.
Dann kam die Fotografie.
Ehrlich gesagt, war Fotografie früher für mich eher befremdlich und teilweise nervig. Ein Familien- oder Schulfoto, ein Partybild, immer so komisch dastehen und ja nicht blinzeln. Und Menschen, die draußen herumlaufen und fotografieren – was ist mit ihnen?
Es war ein Wochenende, an dem ich arbeiten musste. Mir war irgendwie nicht danach, meinen normalen Arbeitsweg zu nehmen. Es war ein angenehmer Samstagmorgen und so entschied ich mich einen Umweg zu nehmen, den ich selten nehme. Dieser Umweg führt über einen künstlich angelegten Wassergraben. Und da fängt meine Fotografiegeschichte an.
Als ich dort angekommen bin und vor diesem Graben dagestanden habe, hat es mich total umgehauen. Das Bild, das durch meine Augen wahr wurde, hatte etwas in mir ausgelöst, das ich vermutlich nie in meinem Leben vergessen werde.
Die Wolkenformationen, das Wasser, das viele Grün, das herunterfallende Sonnenlicht zusammen mit der leichten Luftbrise. Es war ein Augenblick, in dem die Zeit zu stehen schien. Und ich fühlte mich plötzlich so leicht und frei. Es war nicht so, dass ich an diesem Ort noch nie gewesen bin oder sowas noch nie gesehen habe. Sehr oft sogar. Dennoch war da etwas anderes.
Ich zückte mein Smartphone und drückte ab. Mein erstes bewusstes, gewolltes Foto.
Und nur eine Frage blieb: Renne ich ständig an etwas vorbei, das bei genauem Betrachten vielleicht schon fast fremd und doch irgendwie faszinierend sein kann?
Nach über sechs Jahren suche ich immer noch nach der Antwort und ich hoffe ich finde sie nie.
Juni 2026
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