Formen
Formen sehen, bevor wir sie fotografieren
Fotografie beginnt nicht mit dem Auslösen, sondern mit dem Sehen.
Wenn wir einen Gegenstand betrachten, erkennen wir meistens zuerst, was wir sehen: einen Stuhl, ein Fenster, einen Baum oder ein Haus. Unser Blick benennt die Dinge fast automatisch und gibt ihnen eine Bedeutung.
Für die Fotografie kann es interessant sein, diesen ersten Schritt für einen Moment beiseitezulassen.
Was bleibt von einem Gegenstand, wenn wir nicht mehr an seinen Namen denken?
Vielleicht eine Linie, eine Fläche, eine Rundung, ein Umriss oder ein Zwischenraum.
Eine Form muss dabei nicht selbst ein Gegenstand sein. Sie kann innerhalb eines Gegenstandes liegen oder erst durch den fotografischen Ausschnitt entstehen.
Vom Gegenstand zur Form
Unser Sehen ist nicht neutral. Wir erkennen und benennen, was wir sehen. Das ist im Alltag hilfreich, kann beim Fotografieren aber manchmal im Weg stehen.
Aus einem Gebäude werden Flächen und Linien.
Aus einer Treppe wird ein Rhythmus aus Stufen.
Aus einem Schatten wird eine eigenständige Form.
Ein Zwischenraum kann wichtiger werden als die Dinge, die ihn umgeben.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
Was sehe ich?
Sondern:
Welche Form sehe ich?
Formen fotografisch gestalten
Eine Form zu erkennen und eine Form zu fotografieren, sind zwei unterschiedliche Dinge.
Durch Blick, Ausschnitt, Perspektive und Standort entscheiden wir, welche Formen im Bild sichtbar werden.
Auch Größe, Position, Überschneidung, Wiederholung und leere Flächen verändern ihre Wirkung.
Die Form ist deshalb nicht nur etwas, das wir vorfinden. Durch unsere fotografischen Entscheidungen wird sie zu einem Bestandteil der Bildgestaltung.
Form und Reduktion
Je weniger Informationen ein Bild enthält, desto stärker kann seine Form in den Vordergrund treten.
Ein enger Ausschnitt kann einen Gegenstand auf eine Fläche oder Linie reduzieren. Durch Nähe können vertraute Dinge ihre ursprüngliche Bedeutung verlieren. Irgendwann erkennen wir vielleicht nicht mehr, was wir sehen – sondern nur noch eine Form.
Zwischen „Ich erkenne einen Gegenstand“ und „Ich sehe nur noch eine Form“ liegt ein großer Bereich. Gerade dieser Zwischenbereich kann fotografisch interessant sein.
Dabei geht es nicht darum, ein Bild möglichst leer zu machen. Es geht darum, das Wesentliche sichtbar zu machen.
Formen außerhalb des Offensichtlichen
Formen finden sich nicht nur in klaren geometrischen Gestalten. Sie können in Architektur, Natur, Körpern, Schatten, Spiegelungen, Durchblicken oder zufälligen Strukturen entstehen.
Eine Hauswand kann zu einer Fläche werden.
Ein Schatten kann zu einer Zeichnung werden.
Ein Körper kann zu einer Kontur werden.
Eine Spiegelung kann eine zweite Bildebene erzeugen.
Die Dinge selbst verändern sich dadurch nicht. Unser Blick auf sie verändert sich.
Praktisch arbeiten
Das Kapitel „Formen“ verbindet Wahrnehmung und fotografische Gestaltung.
Fünf Übungen führen vom bewussten Wahrnehmen einer Form über Nähe und Zwischenräume bis zur bewussten Beziehung mehrerer Formen und zur starken Reduktion eines Motivs.
Dabei geht es nicht darum, möglichst viele gute Bilder zu produzieren. Entscheidend ist, zu bemerken, wie sich der eigene Blick verändert.
Die Übungen und die anschließende Bildbesprechung helfen dabei, Formen bewusster wahrzunehmen, fotografische Entscheidungen zu verstehen und den eigenen Blick weiterzuentwickeln.
Mehr zum Thema Formen
Du möchtest tiefer in das Thema einsteigen?
Im Arbeitsheft „Formen“ werden die Inhalte dieses Kapitels ausführlicher erklärt.
Es enthält weitere Gedanken, fotografische Beispiele und fünf praktische Übungen, mit denen du das Thema selbst ausprobieren kannst.
Fotografie beginnt an diesem Punkt nicht mit der Kamera.
Sie beginnt mit der Entscheidung, anders hinzusehen.
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