Mit der Zeit

„Am Anfang stand die Wahrnehmung, dann kamen die Technik und das Motiv. Schließlich blieben die eigene Wahrnehmung und ein Werkzeug.“

Fotografie ist ein Handwerk. Und ein Handwerk muss gelernt, geübt und verstanden werden. Aber da stellt sich die Frage: Fängt die Fotografie bei der Technik an oder bei der Wahrnehmung?

Die Antwort lautet vermutlich: bei beidem.

Ein guter Beobachter nimmt viele Motive wahr. Er braucht ein technisches Grundverständnis, um diese Motive festzuhalten. Ein guter Kenner der fotografischen Ausrüstung mit viel technischem Wissen kann viele Bilder umsetzen, braucht aber ebenfalls ein geübtes Auge, um die entsprechenden Motive überhaupt erst zu finden.

Nach Jahren der Fotografie würde ich behaupten, dass alles mit der Wahrnehmung anfängt. Schließlich entscheiden wir uns nicht dazu, ein Bild zu machen, weil wir es technisch umsetzen können, sondern weil wir etwas festhalten wollen, das uns in diesem Augenblick beschäftigt.

Eine Familienfeier, ein Urlaub, ein Spaziergang, das eigene Haustier. Das sind Augenblicke, Erlebnisse, Situationen und Gefühle, die wir täglich erleben und mit denen wir leben.

Erst danach kommt die Technik ins Spiel. So werden anschließend neueste Artikel und Bewertungen gelesen, in denen alles in höchsten Tönen gelobt wird. Plötzlich treten zig Experten auf den Plan, die nicht nur die beste Ausrüstung für dich parat haben, sondern zu jeder beliebigen Situation auch noch die einzig richtigen Kameraeinstellungen kennen. Und trotzdem steht man da und fragt sich:

Welche Kamera? Welches Objektiv? Was brauche ich dazu? Speicherkarte? Akku? Und wie schleppe ich das alles rum? Aber woher soll man so etwas überhaupt wissen, wenn man diesen Gegenstand – eine Kamera – noch nie in den Händen gehalten und benutzt hat?

Die Antwort lautet vermutlich: gar nicht.

Irgendwann fällt man doch die endgültige Entscheidung und besorgt sich das passende Spielzeug. Das Fotografieren kann beginnen. Oder doch noch nicht? Man hat das Motiv gefunden, die richtigen Einstellungen getroffen und trotzdem …

Jedes Bild ähnelt dem nächsten, die Farben sind eher blass und bei genauem Hinsehen ist doch nicht alles so scharf. Dabei habe ich doch alles richtig gemacht. Frust. Aber aufgeben? Niemals!

Also geht man raus. Tag für Tag. Probiert sich an neuen Ideen, Motiven und Kameraeinstellungen aus. Macht Fehler. Aber das ist in Ordnung. So funktioniert Fotografie nun mal.

In Museen, Galerien oder in den sozialen Medien sehen wir auch nur die besten Bilder der Fotografen. Wir sehen nicht, wie viele Fehlversuche nötig waren und wie viel Zeit und Geduld in das einzelne Meisterwerk gesteckt wurden. Übung macht bekanntlich den Meister.

Je mehr man übt, desto selbstsicherer wird der Umgang mit der Kamera. Und plötzlich klappt es auch mit den Fotografien. Das eigene Auge hat sich mit der Zeit verändert, und aus der Kamera ist ein Werkzeug geworden, das die eigenen Gedanken und Vorstellungen zum Ausdruck bringt.

Man sieht mehr als nur ein Motiv. Man sieht Formen, Linien und Perspektiven und erkennt, wie sie zusammenspielen. Ein Spiel, das einen hoffentlich für immer begeistern wird.

Oktober 2026

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